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Presse-Stimmen

            9. Oktober 2018 (Süddeutsche Zeitung)

Wogegen bist du dafür?

Von Jürgen Moises

Jeder ist eine Welt

Eine Weihnachtsgeschichte, die gerade noch gefehlt hat: Baron Münchhausen, Bruder Jonas und Pinocchio kehren im Bauch eines Wals von der Milchstraße auf die Erde zurück.

(Foto: Nicolai Sarafov/VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Der ehemalige Kunstprofessor Nicolai Sarafov hat vor Jahrzehnten sein Institut für Bagonalistik in der Münchner Görresstraße gegründet. Was darunter zu verstehen ist, demonstriert er in drei neuen Graphic Novels

Bagonalismus ist ein Zerrspiegel, in dem sich die Realität als Wirklichkeit erkennt. Der Bagonalismus äußert sich in Wort, Bild, Ton und ist in der Tat. Wenn Bagonalismus stattfindet, lässt sich das eher erleben als erklären. Und was vielleicht ebenfalls noch wichtig ist: Bagonalismus wäre die dritte Öffnung, wenn man davon ausgeht, dass ein Loch nur zwei hat. Soweit alles klar?

Wer ansonsten noch immer nicht verstanden hat, was Bagonalismus ist oder sein könnte, für den stehen auf der Website von Nicolai Sarafov (zu finden unter bago.net) aktuell 175 Definitionen dieses Begriffs bereit. Der 1944 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geborene Künstler, der in den Siebzigern an der Münchner Akademie studiert und von 1976 bis 2006 Illustration an der Fachhochschule Würzburg gelehrt hat, befasst sich seit etwa 40 Jahren mit dem Phänomen und zwar, wie es sich gehört, in Wort, Bild, Ton und Tat. Dafür hat Sarafov am 12. Dezember 1986 sein eigenes Institut für Bagonalistik gegründet, das seinen aktuellen Sitz in der Maxvorstadt in der Görrestraße hat. Dort, das heißt in seinem Künstleratelier, wird Sarafov am kommenden Freitag drei neue Ergebnisse seiner Bestrebungen vorstellen, das heißt genauer: drei neue Comics oder Graphic Novels, die im Geiste des Bagonalismus entstanden sind. Die erste nennt sich „Die Trächtigkeit des Nichts“ und handelt, so könnte man es vielleicht sagen, von all den oder zumindest einigen Fragen, die Sartre in seinem Buch „Das Sein und das Nichts“ offen gelassen hat. Und es führt unter anderem zu der, wohl nicht für jeden zufriedenstellenden Antwort, dass uns das Nichts den Buckel runterrutschen kann.

Das zweite Buch heißt „Sisyphos – sei sein Stein Sein?“ und ist, man ahnt es, eine bagonalistische Auseinandersetzung mit dem klassischen Mythos. Dieser wird hier als ein absurdes Theaterstück erzählt, das Sisyphos am Ende die Erkenntnis beschert, „dass Leben sich nicht im Drängen von Gewichten und im Abtragen von Lasten erschöpft“. Und dass der von ihm hochzurollende Stein nicht nur eine Bürde, sondern auch ein „Kumpel“ sein kann. Ansonsten geht es auch hier sehr viel um Sein und Zeit, um einen anderen Philosophen zu zitieren, und das ebenfalls mit mehr oder weniger offenem Ausgang. Das dritte Werk ist „Schöne Bescherung“, eine „Weihnachtsgeschichte, die gerade noch gefehlt hat“. Hier treten mit Baron Münchhausen, Bruder Jonas und Pinocchio drei legendäre Fantasiegestalten auf, die eine Odyssee durch die Milchstraße antreten, zu deren Goldenem Schnitt vorstoßen und am Ende im Bauch eines Wals zurückkehren.

Das alles wird von Nicolai Sarafov mit klugem Witz und scharfem Blick für die Absurditäten des menschlichen Daseins erzählt. Es wird auf Philosophie, Physik, Literatur und Kunstgeschichte angespielt, und auch grafisch fährt Sarafov mehrere Schichten auf. Vieles ist handgezeichnet und mit seinem freien Strich nah an der Karikatur. Es wurde aber auch collagiert, fotografisches Material mit einbezogen und allgemein sehr frei mit Bild und Text, das heißt auch mit Schrift und Schriftgrößen gespielt. Der Comic wird dadurch als intermediales, experimentelles Medium erfahrbar, als eine in viele Richtungen offene Form, die zudem großen Spaß macht.

Auf die Spur des Bagonalismus ist Sarafov übrigens dadurch gekommen, dass er in den Siebzigern als Bulgare in Deutschland viele Absurditäten zu verdauen hatte, darunter „nichtssagende Reden, bürokratische Strukturen, den Verlust an Werten, konsumorientierte Gesellschaft“ und so weiter. Der Bagonalismus wurde für ihn zu einer Art Überlebensphilosophie, zur „Bagosophie“, deren Grundfrage „Wogegen bist du dafür?“ lautet. Was bedeutet: „Man soll etwas erschaffen, um dadurch dagegen sein zu dürfen, wogegen man glaubt, sein zu müssen“, so Sarafov. Das klingt nach einer potenziell unendlichen Beschäftigung, aber ein bisschen auch nach dem, was wir alle tagtäglich so tun.

Die Graphic Novels sowie weitere Werke von Nicolai Sarafov sind über bago.net erhältlich. Ihre Präsentation findet am Freitag um 19 Uhr in der Görresstraße 32 statt

 

 

Münchner Merkur, 21. 9. 2015

Achim Manthey-9.12.15(Weitwinkwel)

01-Die Zeit, 10.6.1988

02-Münchner Stadt Z. Nov. 1988

03-Süddeutsche Z. 31.12.1988

04-Main Post, 7.2.1990

05-Schweinfurter VolksZ., 1.2.1992

06-Münchner Merkur, 8.4.1992

07-Süddeutsche Zeitung, 8.4.1992

08-Main Post, 28.1.1992

09-Münchner Merkur, 29.11.1993

10-Süddeutsche Zeitung, 7.12.1993

11-Laubacher Feuilleton, 16.12.1995

12-Süddeutsche Zeitung, Mai 1999

13-Main Post, 19.8.2000

14-Süddeutsche Zeitung, 12.9.2000

15-Weinheimer Nachrichten, 30.4.01

16-Rhein-Neckar-Z., 2.5.2001

17-Volksblatt, 5.12.2001

18-Gabriela-PDF, DTZ , 6.6.2014

19-Landshut Heute, 12.5.1988

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