Feed on
Posts
Comments

Nicolai Sarafovs „TRIPTYCHON“

von Dr. Ivo Kranzfelder

 

Immer wieder mal tauchen Sachen auf, die man nicht erwartet hat oder von denen man glaubt, es habe sie noch nie gegeben, also die man nicht kennt. Dabei schließt der Begriff „Sachen“ auch die Vorstufe dazu ein, gemeinhin bekannt als „Idee“. Wobei der Begriff „Begriff“ auch nicht so einfach zu fassen ist. Es handelt sich nicht um etwas so profanes wie einen „Idealismus“, den für sich zu beanspruchen ja an und für sich schon als grenzwertig erscheint. Genau so wenig ist bloß ein grundlegender Skeptizismus gemeint, denn es gibt ja mittlerweile schon ein dubioses Völkchen, das sich als „Skeptiker“ bezeichnet.

Will sagen: Die Sprache, eigentlich dazu gedacht, mittels allgemeiner Vereinbarungen Verständigung herbeizuführen, hat sich zu einem Verunklärungsinstrument gewandelt oder, besser, verbiegen lassen (müssen). Weise, wie ganz alte Texte nun mal sein können, erzählt die Bibel im Alten Testament die Geschichte oder Parabel der babylonischen Sprachverwirrung. Man könnte, das aber nur in Parenthese, als eine weitere, noch immer gültige Erzählung die vom Tanz um das Goldene Kalb erwähnen.

Was wäre gewesen, wenn die Geschichte damals in Babylon nicht passiert wäre? Was, wenn Eva und Adam (Ladies first) nicht aus dem Paradies vertrieben worden wären, bloß weil sie Lust aufeinander bekommen hatten – was schon der Maler und Grafiker Hans Baldung Grien kurz nach 1500 auf einem großartigen Holzschnitt mit eindeutiger, politisch absolut unkorrekter Gestik (Griff an die Brust) und derben Anspielungen (Karnickel) als „Lapsus humani generis“, den Fehler des Menschengeschlechts schlechthin, bezeichnet hatte? Was, ja was? Vermutlich hätte es dann die ganze Brut von Menschengeschlecht gar nicht gegeben.

Das wäre, auch wenn manche verwirrte Geister das nicht so sehen, sehr schade gewesen. Denn dann hätte – unter anderem – ein heutiger Kollege von Baldung nicht seine dreiteilige, als Triptychon bezeichnete „Antilogie des Bagonalismus“, als Summe seines Denkens, sich ausdenken, schreiben, zeichnen, fotografieren, collagieren usw. können, in deren mittlerem Teil, genannt „Ursprung Besenrein“, er, Nicolai Sarafov, vielgestaltiger Vorstand des Instituts, und einige Mitstreiter, mittels Zeitreise versuchen, die Bibel umzuschreiben, um dem Schöpfer ein bisschen mehr Zeit zu gönnen als diese mageren 7 Tage (davon einer zum Ausschlafen), um an der getätigten Erfindung noch ein wenig zu feilen und sie zu perfektionieren.

Wie es dazu kam und wo es hinführte, das wird ausführlich in Teil 1, „Aderlass Schwanensee“ und in Teil 3, „Der lichtjährige Spagat“ geschildert, und noch viel, viel mehr. Dieses und das „noch viel, viel mehr“ wird nicht verraten, es handelte sich dann – im Neu-Sprech – um einen Spoiler-Effekt, der vermieden werden soll. Andererseits wird man im Werk genügend Neologismen finden, so oder so.

Man wundere sich nicht über anfängliches Befremden – trotz der scheinbar bekannten verwendeten Genres wie Krimi, Science Fiction oder Fantasy. Die Zeit der gedanklichen Konkretisierungsversuche kann man locker mit der Bewunderung der virtuosen Zeichnung, des originellen Einsatzes scheinbarer Realitätsfetzen mittels Fotografie, der meisterhaften grafischen Gestaltung usw. usf., je nach individueller Vorliebe, anreichern oder überbrücken.

Was „Bagonalismus“ ist, will und kann ich nicht erklären (lustige Kombination, nicht wahr?). Man lese und schaue, vielleicht ist man hinterher schlauer. Das „oder auch nicht“ verkneife ich mir jetzt, denn schon mancher war hinterher schlauer, ohne dass es ihm selbst oder auch den anderen aufgefallen wäre.

Zum Schluss noch eine Anekdote, die Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“, erstmals erschienen 1927 bis 1931 in ebenfalls 3 Bänden (!), zum besten gibt, und deren Bezug oder Analogie zu Nicolai Sarafovs Triptychon jeder durch Autopsie (Selberschauen) herstellen möge: „Als Daubigny zum erstenmal vor Michelangelos Decke der Sistina stand, murmelte er: ‚Daumier’“.

Comments are closed.